Frühe Kindheit
Mein Weg zur Psychoanalyse begann schon in meiner frühen Kindheit, avant la lettre. Weniger als 3 Jahre nach Kriegsende geboren, erlebte ich, wie so viele meiner Generation, in meiner Herkunftsfamilie ein Gespinst aus Wut, Schmerzen, Angst, Abenteuerlust, Lebens- und Sinnenfreude, das zu meiner tief empfundenen Verwirrung über Schweigen und Lügen vieler geliebter Menschen führte: psychologische Phänomene, die einem Kind zwar kognitiv unverständlich, aber intuitiv, als von Frage- und Erkenntnistabus umzäunt, erfassbar sind.
Diese Erkenntnisverbote zu entschlüsseln und sie mir intellektuell und emotionell zugänglich zu machen, war der Ursprung meines Interesses an der psychoanalytischen Psychotherapie.
Hineingeboren in eine Familie, die sich als solche nur aufgrund meiner allseits unerwünschten Existenz konstituieren musste – meine Mutter war mit einem jüdischen US-Offizier verlobt, als sie von einem Innsbrucker Studienkollegen schwanger wurde, eine bereits geplante Abtreibung ablehnte und meinen Vater in spe zum Entsetzen ihrer Brüder heiratete, – in meinen ersten sechs prägenden Lebensjahren aufgewachsen inmitten einer bombenzerstörten Tiroler Kleinstadt, erlebte ich im Hause meiner verwitweten italienisch-marranischen Großmutter, die unterschiedlichsten Personengruppen in und um dieses Haus in der Wörgler Bahnhofstraße:
Kommunisten und Kommunistinnen, die quasi in letzter Minute dem Schafott entkommen, Sozialdemokraten, die aus dem KZ Dachau befreit worden waren, NS- TäterInnen, die 1945 für einige Monate auf der Kufsteiner Festung eingesperrt gewesen waren, ehemalige Mitläufer, die von Hitler als „Adolf dem Ersten“ sprachen, Befreite aus dem Wörgler Lager für „Mischlinge ersten Grades“, verzweifelte Kriegsinvaliden, die sich nach Zigarettenstummeln bückten, es gab die Repräsentanten der französischen Besatzungsmacht in ihren attraktiven Uniformen, bitterarme ostpreußische Flüchtlingsfamilien in den Baracken des ehemaligen Nazi-Lagers, hübsche junge Frauen in selbstgeschneiderten Kostümen auf der Suche nach einem geeigneten Heiratskandidaten.
Die Wörgler Jüdinnen und Juden waren beraubt, vertrieben oder ermordet worden, darunter die beste Freundin meiner Mutter. Nun gab es Mangel und Not für fast alle, die sich wechselseitig irgendwie ertragen mussten…In unserem Hof hielten wir Hühner und Hasen, die Wohnungsmieter, teilweise noch während des Krieges einquartiert, drängten sich auf kleinstem Raum,außerdem gab es im Haus eine Schusterei, deren duftende Lederstücke meine bevorzugten Spielsachen waren, es gab italienische Opern und Literatur zu Hause und schneidige Blasmusik vor unseren Fenstern mit den herabgelassenen Jalousien.
Italienisch war eine Art Geheimsprache zwischen mir und meiner Großmutter, die als Nachfahrin Trentiner Irredentisten die „tedeschi“ so leidenschaftlich hasste, wie es sich für Familie Calvi gehörte und die sich herzlich über die deutsche Niederlage gefreut hatte.
Zu meiner Geburt war ihre Mutter Irina triumphierend aus der Provinz Brescia erschienen, 3 Generationen italienischer Damen – meine Urgroßmutter, Großmutter und Mutter – stöckelten elegant durch die Bombenruinen, mit mir als vierter Generation im Kinderwagen.
Im Laufe meiner früheren Kindheit wurde ich Teil einer Gruppe von Bauern- und Eisenbahnerkindern, die frei in Stadt, Feldern und Wald herumschweifen durften, unsere bevorzugten Spielplätze waren der Wörgler Zugbahnhof und das Sägewerk meiner Schwiegerverwandten. Mein einäugiger Vater nahm meine Mutter und mich zu Motorradausflügen nach Bayern und über den Brenner mit, zu dritt auf einem wackeligen Bike, wir drei ohne Helm, Schutzanzug und Brillen, ich unter dem weiten Mantel meiner Mutter verborgen, die Beine angezogen, die Schmuggelware am Leib versteckt.
Es gab kein Fernsehen, kein Telefon, kaum Radio, kein Auto, kein fließendes Wasser in der Wohnung, keine Waschmaschine und keine Heizung. Bücher und Schallplatten waren unerschwinglich teuer, Zeitungen wurden am schulischen Arbeitsplatz meines Vaters gelesen. Die benachbarten Bäuerinnen brannten Schnaps, um ihre Männer ruhig zu stellen und der Schwarzhandel dominierte die Einkäufe.
Von den 8 Zimmern unserer Wohnung wurden nur 4 genützt: die Küche, wo sich alle in einer Schüssel wuschen und sich zum Essen versammelten, das Schlafzimmer meiner Eltern, mein Kinderzimmer und ein gemeinsames Zimmer für Großmutter und Onkel. Die anderen Räume dienten der Repräsentation und blieben ungenutzt, alle Zimmer waren die meiste Zeit hindurch eiskalt.
Die Hitlerbilder waren schon im Frühjahr 1945 kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Befreiungsarmee von den Tiroler Wänden genommen worden: der helle Fleck wurde aber bei uns, die wir keiner religiösen Denomination angehörten,nicht wie in vielen Haushalten in einen Herrgottswinkel rückverwandelt, sondern unter pompösen Familienfotos verborgen, die eine heile Vorkriegswelt vorspiegeln sollten.
Später sollte ich erfahren, dass auf diesen Porträts einige mütterliche Familienmitglieder fehlten: 3 Großtanten und ein Großonkel, deren Existenzen gelöscht und deren Namen nicht mehr erwähnt wurden.
Jahrzehnte danach begann dann mein eigenes Verständnis einer zerrissenen und teils über die eigene Herkunftsgeschichte verstummten Familie, der auch Bildung und Wohlstand nicht zu mehr Einsicht in die eigene Gewordenheit verholfen hatten. Und nachdem ich mich lange Zeit von meiner Ursprungsfamilie distanziert hatte, wuchs im Laufe meiner psychoanalytischen Ausbildung und Lebenserfahrung auch mein Mitgefühl für sie und mein Wunsch nach Versöhnung.
Beides zusammen, Wissen und nicht-urteilende Empathie sind auch unabdingbare Voraussetzungen für die Arbeit mit Menschen, wie ich sie praktiziere.
Kommentar
Viele Menschen, nicht selten besonders solche mit einer nationalistischen oder xenophoben Lebenseinstellung, weisen einen mir ähnlichen Lebenslauf, mit kulturell gemischten und oft unwillkommenen Herkünften, auf.
Für manche Personen aber ist es eine unerträgliche Vorstellung, nirgendwo so richtig dazu zu gehören, und sie entscheiden sich dann unter kollektivem Anpassungsdruck für die Glaubenssätze der Mehrheitsgesellschaft, in dem sie ihr erstrebtes Wir-Gefühl restriktiv unter Ausschluss der „anderen“ konstruieren, und gewissermaßen die abgelehnten und abgespaltenen eigenen Persönlichkeitsanteile im „anderen“ verfolgen.
Fortgesetzte Ambivalenz oder, psychoanalytisch gesprochen, das dritte Objekt im Erleben, halten zu können, ist eine Kulturleistung, die nichts mit formaler Bildung oder Intelligenz zu tun hat, sondern ausschließlich eine Frage des psychischen Reifegrades, oder, einfacher ausgedrückt, eine Frage von Aufrichtigkeit und Herzensbildung.
In Tirol, einem Gebiet im Herzen Europas, wo Menschen aus den verschiedensten Herkunftsgebieten seit dem Ende der Eiszeit diesseits und jenseits des Alpenhauptkamms durchgezogen waren, bevor sich ein kleiner Teil davon dauerhaft niederließ, herrscht seit der Gegenreformation im 17.Jahrhundert ein besonders starker Konformitätszwang.
Es war nach dem Untergang des römischen Reiches und der Epoche der großen Völkerwanderung bis hin zum Ende des Mittelalters erst der Aufklärung des 18.Jahrhunderts vorbehalten, Menschen beiderlei Geschlechts und ethnischer Herkunft in ihrer Verschiedenheit gelten zu lassen, ja verschiedene Sprachen, Religionen und Lebensweisen sogar als eine gesellschaftliche Bereicherung zu betrachten, anstatt als eine Bedrohung der eigenen patriachal definierten Stammesidentität.
Aber die Josefinische Aufklärung, die Juden, Jüdinnen und ProtestantInnen in der gesamten Habsburgermonarchie die lang ersehnte Freiheit brachte, ist nicht in alle Gebiete unseres Landes vorgedrungen, trotz oder eher wegen des seit dem 19.Jahrhundert aufblühenden Tourismus: Es musste den zahlenden ausländischen Gästen eine unberührte, fromm-lustige Märchenwelt voller Naturliebe, Sangesfreude und Gottesfurcht vorgespielt werden, trotz notorischer Gewalt in den Familien, brutaler Ausbeutung von Mägden und Knechten und habituellen sexuellen Fehlverhaltens besitzender Patriarchen gegenüber Frauen und Kindern.
Selbstreflexion, geschweige denn ein Schuldbekenntnis für die zahlreichen wissenschaftsfeindlichen, faschistischen und antisemitischen Untaten der Vergangenheit sind touristisch nicht zu vermarkten, auch aufgrund des mangelnden Interesses vieler ausländischer BesucherInnen, die oft ihre eigene idealisierende Vorstellung des gesunden Landlebens in den Urlaub mitbringen, und fallen daher Verleugnung, Vertuschung und kollektivem Vergessen zum Opfer.
Als ich mich 2012 entschloss, an den Achensee zu ziehen, um hier zu leben und zu arbeiten, war ich mir der Diskrepanz zwischen der wunderschönen Natur und den freundlichen Bewohnern einerseits und der oftmals recht düsteren Aspekte ländlicher Existenzformen andererseits wohl bewusst: waren doch viele Tiroler Verwandte meines Vaters vor roher Gewalt, Ignoranz und Alkoholismus einst bis nach New York und San Francisco geflohen.
Dennoch gelang es mir, an wichtige Ereignisse in der Geschichte der Psychoanalyse seit dem Sommer 1900 anzuschließen: Sigmund Freud, der 1899 in Wien sein epochales Werk über die Traumdeutung veröffentlicht hatte, traf sich einige Male an verschiedenen Orten des Achensees mit seinem Kollegen Wilhelm Fließ aus Berlin, um über die psychische Bisexualität des Menschen zu diskutieren und zu streiten.
100 Jahre später, im Sommer 2000, fand ein internationaler Kongress zur Geschichte der Psychoanalyse in Pertisau statt, im Gedenken an diese Fragestellungen, die unter dem Begriff „Die Achensee-Frage“ in der Psychoanalyse bekannt sind. Gemeint ist damit die Frage der psychischen und auch biologischen Aspekte menschlicher Androgynität.
Mir ist es eine stets wohltuende Erfahrung, von meiner Terrasse aus quer über den See blicken zu können, mich gedanklich mit dem verehrten Altmeister zu verbinden und auf bescheidene Weise etwas zur Weiterentwicklung von Vernunft, Lebensfreude und Selbstreflexion, wie sie für die Psychoanalyse typisch sind, bei meinen PatientInnen und KlientInnen beitragen zu dürfen.
Arbeitsweise
In meiner allgemein-psychotherapeutischen Arbeit verbinde ich westlich-akademisch-klinische Ansätze mit traditionellen buddhistischen Meditationspraktiken und Erkenntnisweisen zu einem von mir seit 1991 entwickelten, eklektizistisch orientierten Verfahren. Klärende, stützende und deutende Gespräche im Sitzen werden mit Achtsamkeits- und Imaginationsverfahren im Sitzen oder Liegen kombiniert.
Als Psychoanalytikerin arbeite ich mit einem leicht modifizierten Standardverfahren im Setting und in der Begriffsbildung nach Sigmund und Anna Freud mit Deutung von Widerstand und Übertragung, sowie von latenten und manifesten Trauminhalten im Bezugsrahmen bewußter und unbewußter psychodynamischer Prozesse. Abhängig von Diagnose und geplanter Dauer der psychoanalytischen Selbsterfahrung findet diese Arbeit im Sitzen oder Liegen statt.
In der Palliativtherapie orientiere ich mich an den konkreten Bedürfnissen schwer- bis schwerstkranker PatientInnen, besuche sie gegebenenfalls auch zu Hause, im Krankenhaus oder im Hospiz. Dabei verwende ich neben stützenden und aufklärenden Gesprächen mit PatientInnen und Angehörigen auch Entspannungs- und Visualisierungsverfahren gegen Angst und Schmerz.
Bei Coaching, Supervision und Beratung vermittle ich neben fachspezifischen Kenntnissen und Verfahrensdiskussionen auch kultur- und ideengeschichtliche Inhalte. Bei Interesse erörtere ich auch philosophisch-spirituelle Fragestellungen, bzw. gebe Lehr- und Lernhinweise.
Für jüngere KollegInnen aus psychologisch/psychiatrisch/pädagogisch und allgemeinmedizinischen Berufen biete ich Einzel- und Fallsupervisionen, welche in der Regel von den jeweiligen Ausbildungsinstituten als Fortbildung anerkannt werden.
Für weitere Informationen stehe ich nach telefonischer Kontaktaufnahme gerne auch persönlich zur Verfügung.
Bis auf weiteres sind auch teletherapeutische Sitzungen möglich.